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Das Pferd

Auf dieser Seite möchte ich Ihnen kurz einige Grundbedürfnisse und -verhaltensweisen der Pferde nahe bringen, die sich im Laufe der Evolution über Millionen von Jahren entwickelt haben. Diese sind auch heute noch im Erbgut der Pferde verankert und obwohl Pferde bereits seit einigen tausend Jahren domestiziert sind, haben sich diese Grundverhaltensweisen nicht wesentlich verändert! Ich schicke voraus, dass ich hier niemanden verurteile, und möchte auch nicht als "verrückte" Tierschützerin angesehen werden. Die folgenden Inhalte sind wissenschaftlich belegt und sollen, leicht provokativ dargestellt, Ihre Phantasie anregen.

1. Das Pferd ist ein Fluchttier.

Sie sind jedesmal wieder überrascht, wenn Ihr Pferd plötzlich -scheinbar ohne jeden Anlass- scheut, mit allen Vieren gleichzeitig in den nächsten Graben springt oder einfach im gestreckten Galopp durchgeht, um möglichst weit weg von der vermeintlichen Gefahr zu kommen? Haben Sie sich dabei möglicherweise schon öfter unsanft auf dem Boden wiedergefunden? Werden Sie jedesmal ärgerlich und hören sich Sätze sagen wie "Stell dich nicht so an, da ist/war doch gar nichts!"?

Wahrscheinlich war aber doch etwas da, was dem Pferd ungewöhnlich erschien. Man muss sich immer klar machen, dass das Pferd ein Fluchttier ist und die erste Reaktion bei vermeintlicher Gefahr deswegen immer Flucht sein wird. Körperbau, Körperfunktionen, Sinnesorgane und Sinneswahrnehmungen der Pferde sind über Millionen von Jahren genetisch auf Flucht "programmiert" worden. Das bedeutet, dass dieses Verhalten angeboren ist, den Pferden das Überleben sichert und somit völlig normal ist.

2. Das Pferd ist ein Herdentier.

Und nun versuchen Sie einmal, sich in die Lage eines Pferdes zu versetzen: Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich vor, Sie sind in einer 2 qm "großen" Box (Größe an den Menschen angepasst) eingesperrt, haben ein kleines Fenster um nach draußen zu sehen und können sich ansonsten nicht bewegen, sich nicht beschäftigen oder mit Artgenossen kommunizieren. Zwei- bis dreimal pro Woche werden Sie aus Ihrer Box gelassen und für ungefähr eineinhalb Stunden ein wenig beschäftigt. Danach werden Sie wieder eingesperrt. Überkommt Sie schon ein beklemmendes Gefühl? Das ist gut. Vielen Pferden geht es ähnlich.

Seit Millionen von Jahren leben Pferde im Sozialverband mit Artgenossen. Dieses Bedürfnis nach Sozialkontakten sowie nach einem Leben im Herdenverband ist Pferden ebenfalls angeboren. Das heisst, ein Pferd in einer Einzelbox, noch dazu ohne Sichtkontakt zu Artgenossen zu halten, ist somit nicht artgerecht. Durch diese Haltungsart in einer reizarmen Umgebung entstehen oft Verhaltensstörungen.

3. Das Pferd ist ein Steppentier.

Nun brauche ich noch einmal Ihre Phantasie: Können Sie sich an das Gefühl erinnern, als Sie einmal schrecklichen Hunger hatten, keine Möglichkeit oder Gelegenheit da war zu essen und sich deswegen Ihr Magen richtig schmerzhaft verkrampft hat? Den meisten Pferden geht es täglich so, da sie nur zwei- bis dreimal täglich gefüttert werden und somit langen Fresspausen ausgesetzt sind.

Der ganze Verdauungsapparat von Pferden ist auf lange Fresszeiten während langsamer Fortbewegung im Schritt ausgerichtet. Das bedeutet, der Magen ist sehr klein, nur mit geringem Fassungsvermögen. Pferde sind seit Millionen von Jahren grasfressende Steppenbewohner. Und da diese Nahrung energiearm und rohfaserreich und der Magen im Verhältnis zur Körpergröße sehr klein ist, müssen Pferde ihren täglichen Nährstoffbedarf über Fresszeiten von 12 bis 16 Stunden pro Tag decken. Dieses Verhalten ist ebenfalls in den Genen gespeichert.

Ein Pferd z.B zwei- bis dreimal täglich nur mit Kraftfutter zu füttern, sowie lange Fresspausen sind nicht artgerecht. Auch dies kann, insbesondere kombiniert mit fehlenden Sozialkontakten, zu Verhaltensstörungen führen.

 

 

Leider hält sich hartnäckig die Meinung, man könne leichtfuttrige Rassen wie Isländer, Fjordpferde, Haflinger etc. nicht ad libitum füttern (d.h. ständig freier Futterzugang) oder ganztägig auf die Weide lassen. Wissenschaftlich belegte Studien haben ergeben, dass auch solche Pferderassen ganztägig freien Zugriff auf Futter haben können ohne zu verfetten, z. B. durch Sparraufen. Auch ganztägiger Weidegang ist möglich, wenn z. B. eiweißarme Gräser gesät wurden und das hohe Gras bereits leicht verblüht ist.  

Erschrecken Sie bitte nicht! Es gibt nicht viele Ställe, die den Pferden ein 100% artgerechtes Leben bieten. Das kann u.a. bauliche oder wirtschaftliche Gründe haben. Viele wissen aber nicht, dass man das Leben für die Pferde trotzdem angenehmer gestalten kann, oft nur mit geringem Aufwand. Nachfragen lohnt sich!

4. Wie kommuniziert ein Pferd?

Anders als der Mensch kommunizieren Pferde kaum über eine Lautsprache, sondern vor allem durch Gestik/Mimik sowie Körper- und Schweifhaltung. Das heisst, die Kommunikation zwischen Pferden läuft meist sehr leise, manchmal für den Menschen eher unauffällig ab.

Um sich in einem Herdenverband einzufügen, klären Pferde untereinander die Rangordnung und fühlen sich auf dem Platz, den sie für sich "erkämpft" haben zumeist wohl, auch wenn sie rangniedrig sind. Der Rang gibt dem einzelnen Pferd Sicherheit und verhindert zeit- und energieraubende neuerliche Auseinandersetzungen.

Die Kommunikation im Herdenverband läuft vor allem über sogenannte Drohgesten auf der Seite des ranghöheren Pferdes und Unterlegenheitsgesten auf der Seite des rangniederen Pferdes ab. Bitte werten Sie dies nicht mit menschlichen Moralvorstellungen. Pferde haben diese Art der Sprache über Millionen von Jahren ausgebildet. Es funktioniert und Pferde bewerten nicht.

Nun versuchen Pferde natürlich auch mit ihren Menschen/Besitzern eine Rangordnung auszubilden, was zu Problemen in der zwischenartlichen Kommunikation führen kann, wenn einer den anderen nicht versteht. Ein Beispiel hierfür ist die soziale Fellpflege, das "Putzen" des Pferdes. Sie als Besitzer pflegen das Pferd, bürsten das Fell und kämmen die Mähne. Nun versucht das Pferd seinerseits auch bei Ihnen Fellpflege zu machen, da dies unter Pferden eine gleichzeitige, gegenseitige Handlung ist. Es knabbert an ihrer Jacke, findet vielleicht einen Knopf und versucht ihn unsanft abzubeißen, da das Pferd diesen Widerstand in Ihrem "Fell" beseitigen möchte. Sie aber reagieren darauf wütend und geben dem Pferd einen Klaps oder Schlag und/oder schreien es an. Das empfindet das Pferd als Bestrafung. Es kann nicht verstehen, warum es für Fellpflege bestraft wird. Sie dagegen denken gleich an Respektlosigkeit und Ungehorsam. Und schon haben wir ein Kommunikationsproblem.

Die Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen Mensch und Pferd fangen bei solch banalen Dingen wie Fellpflege oder Führen am Halfter an und hören beim Reiten noch nicht auf. Es gibt eine Vielzahl von Mißverständnissen.

 Eines möchte ich Ihnen unbedingt mit auf den Weg geben: Ihr Pferd handelt niemals berechnend! Sie sind nicht wie Menschen. Eine willentlich vorausplanende berechnende "Bösartigkeit" existiert nicht. Nein, ein Pferd reagiert lediglich auf seine Umwelt. Auch wenn diese Reaktionen z. T. sehr heftig ausfallen oder Ihnen unverständlich erscheinen mögen.